Übertriebene Diagnose – und schon nicht mehr versicherbar?

Heute wollen wir Ihnen eine Problematik schildern, von denen sicherlich mehr Menschen betroffen sind, als sie es ahnen.
Im Oktober 2016 wurde publik, dass Krankenkassen und Ärzte zusammenarbeiten, wenn es darum geht, durch möglichst „ernste“ Diagnosen einen Patienten als „ernsthaft erkrankt“ oder auch „chronisch krank“ zu klassifizieren. Hintergrund: die gesetzlichen Krankenkassen erhalten umso mehr Geld aus dem „großen Topf“, je mehr Patienten mit bestimmten ernsten Erkrankungen bei ihnen versichert sind. Ärzte wiederum können bei einem Patienten mit einer „chronischen Erkrankung“ oder einer bestimmten, besonders herausgehobenen Diagnose, mehr und höher dotierte Leistungen berechnen.
Das heißt nichts anderes, als dass ein gemeinsames Interesse besteht, Patienten als möglichst „krank“ einzustufen. Diagnosen werden nach der Diagnosenklassifikation ICD-10-GM verschlüsselt – und so lautet z.B. der Code für einen grippalen Infekt J06.9, und der für eine schwere „echte“ Virusgrippe z.B. J10.8.
Nun sind die oben genannten Krankheiten –seien sie auch noch so quälend- für eine „Vorsorge“-Versicherung (wie z.B. Unfallversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung oder Risiko-Lebensversicherung) eher wenig relevant – außer es hat sich ein dauerhafter Schaden eingestellt.
Sehr wohl aber interessiert es die Versicherer in diesen Sparten (und auch z.B. beim Abschluss einer Krankenhaus-Zusatzversicherung), ob ernste Vorerkrankungen bestehen. Nicht umsonst müssen Sie Gesundheitsfragen beantworten, und ggfs. eben auch die Ärzte und die gesetzliche oder private Krankenkasse von der Schweigepflicht entbinden. Die Versicherer sehen dann all die Diagnosen, die Ihnen verschiedene Ärzte über die Jahre in Ihre Akte geschrieben haben.
Und hier wird es problematisch! Stellen Sie sich vor, Sie sind 32, fühlen sich gesund, und das einzige Mal, dass sie wirklich „mies dran“ waren, das war während einer dreimonatigen Arbeitslosigkeit. Ihr Arzt hat Ihnen damals irgendwelche Tabletten verschrieben, ihre schlechte Stimmung verschwand, Sie bewarben sich erfolgreich – und nun wollen Sie Ihre Familie absichern. Mit einer Risikolebensversicherung, einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Und der Hausbau ist geplant.
Ihr Arzt hat Sie damals gut und erfolgreich behandelt – wissen Sie aber, was er mit der Krankenkasse abgerechnet hat? Steht in Ihrer Akte „Anpassungsstörung“ (die einhergeht mit einer kurzen depressiven Reaktion) oder hat der Arzt auf eine „wiederkehrende depressive Störung“ erkannt? Vielleicht, weil sie in ihrer Not geschildert haben, dass sie bereits vor zwei Jahren einmal ein Tief hatten? Für den Versicherer macht das einen Unterschied: schnell drängt sich dem Entscheider bei der Gesellschaft der Verdacht auf, Ihr Gesundheitszustand sei chronisch schlecht, könne sich verschlimmern – und schon steigen die angebotenen Prämien bzw. Sie werden als nicht versicherbar eingestuft.
Natürlich wollen auch die Versicherungsgesellschaften Geld verdienen, und deshalb werden die Sachbearbeiter dort auch genau abwägen – jedoch: je mehr „fragliche“ Diagnosen sich bei Ihnen angesammelt haben, desto schwieriger wird es werden, einen Vertrag zu einem annehmbaren Preis zu bekommen.
Was können Sie dagegen tun? Nun – wenn Sie wirklich „chronisch krank“ sind – nichts. Jemand, der jahrelang Depressionen hatte und sogar Klinikaufenthalte hinter sich hat, wird große Schwierigkeiten haben, z.B. eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Und die Falschbeantwortung von Gesundheitsfragen ist sinnlos, spätestens im Schadensfall wird die Versicherung die Täuschung durchschauen. Wenn sie gar nicht wussten, „wie krank“ sie eigentlich auf dem Papier sind, und die Gesundheitsfragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet haben, kann auch das im Schadensfall zu großen Problemen führen – denn die Versicherer halten sich an die dokumentierten „Fakten“.
Wenn Sie aber eigentlich ziemlich ok sind, dann geben Sie ihrem Arzt zu verstehen, dass Sie ein Interesse daran haben, dass in Ihrer Krankenakte nichts steht, was Ihnen beim Abschluss einer Versicherung schaden könnte. Ihr Arzt wird Ihnen dann erklären, warum er seine Diagnose stellt. Wenn er wirklich von seiner Diagnose überzeugt ist, werden Sie ihn kaum umstimmen können, jedoch wissen Sie zumindest, wie Sie dastehen. Sie könnten dann eine Zweitmeinung eines anderen Arztes einholen, die ja auch wieder in Form von Diagnoseschlüsseln hinterlegt wird.
Wichtig ist unseres Erachtens, dass Sie sich aktiv informieren, welche Diagnosen, welche Behandlungen Ihr Kassenarzt abgerechnet hat. Als Privatpatient bekommen Sie Rechnungen – aber die wenigsten gesetzlich Versicherten wissen, dass auch sie ein Recht auf die Aushändigung ihrer Abrechnungsdaten haben.
Seit 2004 besteht ein gesetzlicher Anspruch auf die so genannte „Patientenquittung“ (§305 des 5. Sozialgesetzbuches). Patienten können diese gegen geringe Gebühr von ihrem Arzt verlangen oder meist kostenlos und unter Beachtung der Datensicherheit bei ihrer Krankenkasse online einsehen. Vorzuhalten sind die Daten der letzten 18 Monate. Sie sehen dann, wieviel ihre Medikamente gekostet haben, welche Diagnosen Ihre Ärzte gestellt haben und auch, was Ihr Arzt für Ihre Behandlung abrechnet. Leider dauert es bei den Diagnosen/Honoraren oft einen längeren Zeitraum, bis diese online vorliegen. Wenn Sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Arzt haben, können Sie mit ihm sicher auch alle vorliegenden Diagnosen besprechen – und es ist leicht möglich, den ICD-Code auf dem „gelben Schein“ (der „Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung“) im Internet in verständliche Sprache übersetzen zu lassen.
Wenn Ihr Arzt weiß, dass Sie seine Diagnosen und Maßnahmen aktiv verfolgen, wird er auch eher geneigt sein, sich eine folgenschwere Diagnosestellung zweimal zu überlegen.

Quellen:

  • GKV Spitzenverband
  • Bundesgesundheitsministerium
  • Focus 04.12.2017 – „Schwere Vorwürfe: Krankenkassen sollen Ärzte für falsche Diagnosen bezahlt haben“
  • Wirtschaftswoche 28.10.2016 – „Wie Fehldiagnosen Versicherte gefährden“